Fall 6

Nadine S., 9 Jahre – Schreibblockade einer Linkshänderin; Schulverweigerung

 

Es ist Februar, als ich Nadine kennenlerne. Sie ist hochbegabt und geht in die 4. Klasse der örtlichen Grundschule. Ihre Mutter, Frau S., schildert mir Nadines Problem mit zitternder Stimme: „Meine Tochter kann nicht schreiben. Ihre Hand verkrampft dabei so sehr, dass es ihr weh tut und der Text völlig unleserlich ist. Seit einem Jahr verweigert sie das Schreiben völlig. Deshalb hat ihre Schule sie für lernbehindert erklärt und ihr eine Empfehlung für die Sonderschule gegeben. Sie selbst möchte aufs Gymnasium oder gar nicht mehr zur Schule gehen. Seit einigen Monaten verweigert sie den Schulbesuch.“Nadine fixiert bei diesen Worten einen Punkt auf meinem Teppich, ihre Mutter hat Tränen in den Augen. In den letzten drei Jahren haben beide zahlreiche Arzt- und Therapeutenbesuchen hinter sich gebracht. Angesichts der schlechten Verfassung, in der ich Mutter und Tochter erlebe, schlage ich vor, sofort in die Intervention einzusteigen.

 

Ich erkläre den beiden die EMBRAIN-Methode und den Myostatiktest, einen Muskel- Stärke- und Schwächetest, mit dem ich feststelle, welche Themen meinen Klienten Stress bereiten. Nadine gibt sich gelangweilt und zeigt sich mir gegenüber sehr abweisend. Ich kann ihre Haltung gut verstehen, nach allem, was sie schon hinter sich hat. „Kannst Du nur mit dem Stift nicht schreiben oder geht es auch auf dem Computer nicht?“ frage ich sie und schiebe ihr meinen Laptop rüber. Nadine greift sofort zur Tastatur. Es stellt sich heraus, dass Nadine mit dem Computer in der Lage ist, in kürzester Zeit eine nahezu fehlerfreie Geschichte zu schreiben, bei der sogar die Zeichensetzung stimmt. Als ich ihr einen Stift reiche, um sie denselben Text am Flip-Chart schreiben zu lassen, zuckt sie zurück und fängt an zu zittern. Nur unter größter Anstrengung kann sie den Stift in die Hand nehmen und diese verkrampft sofort. Daraufhin beginne ich, bei ihr die folgenden Sätze zu testen:

 

Das Halten des Stiftes bereitet körperlichen Stress. Es bereitet emotionalen Stress.

 

Das Ergebnis zeigt, dass Nadine keinerlei körperlichen, jedoch starken emotionalen Stress hat, wenn sie den Stift in die Hand nimmt.
Als ich sie frage, wie sie angesichts ihres Problems über sich selbst denkt, nennt sie mir in Windeseile und voller Wut die Sätze: 
„Ich bin eine Versagerin. Ich bin zu nichts nütze. Ich möchte tot sein.“ Ich antworte ihr so ruhig wie möglich: „In Ordnung. Das schauen wir uns jetzt gemeinsam an und dann regeln wir das, o.k.?“ Nadine nickt sehr vorsichtig. Als ich sie frage, was sie stattdessen lieber über sich denken würde, kommen ihr die Tränen und sie fängt bitterlich an zu weinen. Ich reiche ihr meine blaue Kleenex-Box und Nadine versteckt sich für einen Moment hinter einem Tuch. Auf einer Liste, die ich ihr reiche, findet sie für sich schließlich den passenden Satz: „Ich bin in Ordnung, so wie ich bin“. Ich nicke zustimmend. Ab diesem Moment können wir optimal zusammen arbeiten. Zaghaft und mit einem Funken Hoffnung lächelt sie mich an.

 

In der nächsten halben Stunde finden wir mit Hilfe des Myostatiktests heraus, dass Nadine beim Berühren des Stiftes durch die Emotionen Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Kontrollverlust in Stress gerät. Diese Emotionen, so zeigt uns der Test, sind entstanden, als sie 5 Jahre alt war. Mutter und Tochter schauen sich ratlos an. Ich teste den Kontext, in dem Nadine das stressende Erlebnis hatte. Es ist der Kindergarten, es betrifft die Vorschulgruppe und es handelt sich um ein Erlebnis während der letzten 4 Wochen vor den Sommerferien. „Da war im Kindergarten viel los“, berichtet Nadines Mutter. „Die Kinder haben in dieser Zeit die benachbarte Grundschule besucht, um sich vor der Einschulung den Schulbetrieb schon einmal anzusehen. Ich weiß noch, dass damals gleichzeitig auch ein Team von Ergotherapeuten im Kindergarten war, weil für einige Kinder festgestellt werden sollte, welchen konkreten Förderbedarf sie noch haben.“ (Diese Kinder waren bei der amtsärztlichen Untersuchung für noch nicht schulreif erklärt worden.)

Nadines Blick ist wieder starr geworden, als ihre Mutter dies erzählt. Ich teste, ob ihre Schreibblockade mit diesen Untersuchungen im Zusammenhang steht und bekomme sofort ein eindeutiges Stressergebnis. Wir sind ein wenig ratlos, da Nadines Einschulung damals nicht in Frage gestanden und der Besuch der Ergotherapeuten somit nicht ihr gegolten hat. Wir schauen Nadine fragend an und sie fängt wieder an zu weinen.

Diese Frau (eine der Ergotherapeutinnen ist gemeint) hat sofort angefangen zu kreischen, als sie mich gesehen hat. Sie hat alle ihre Kolleginnen um mich herum versammelt und immer wieder gerufen, ich sei eine Beidhänderin, eine Beidhänderin. Ihre Kolleginnen haben dazu geschwiegen und ganz erschreckt geschaut. Ich habe mich so geschämt. Ich habe doch nur gemalt. Ich sollte der dann immer und immer wieder zeigen, wie ich das mache und musste dabei den Stift von der einen in die andere Hand wechseln. Schließlich habe ich die Frau weggeschubst und bin auf die Toilette gerannt.“

 

Frau S. ist fassungslos und kann kaum glauben, dass dieses Erlebnis die Ursache für die Schreibblockade sein soll. Die Leiterin des Kindergartens kann sich auf Nachfrage später gut an diesen Vorfall erinnern, denn sie hat Nadine damals völlig durchgeschwitzt und verweint im Waschraum gefunden und getröstet.

Frau S. erzählt, dass sich Nadine schon im Kindergarten oft als anders als die anderen Kinder empfunden hat. Ihre hohe Begabung war damals noch niemandem bekannt, sodass auch sie selbst keine Erklärung für dieses Gefühl hatte. Vermutlich hat die dramatisch gestaltete Entdeckung der Beidhändigkeit Nadine gerade vor diesem Hintergrund besonders erschreckt und sie aus eigener Sicht noch mehr zum Außenseiter gemacht, als sie sich ohnehin schon fühlte. Nadine berichtet uns unter Tränen, dass sie vor diesem Ereignis schon über längere Zeit hinweg alles getan habe, um ihre Andersartigkeit zu verbergen: „Ich habe versucht, an denselben Stellen zu lachen, wie die anderen Kinder. Habe bei Spielen mitgemacht, die ich schrecklich fand, im Morgenkreis Dinge erzählt, die mir nicht wichtig waren. Und dann kommen diese Frauen und kreischen um mich herum! Alle haben mich angesehen. Es war einfach nur schrecklich!“

 

Wir leiten sofort die EMBRAIN-Intervention ein. Nadine weint zunächst noch, während ihre Augen stockend meinen Winkbewegungen folgen. Während des EMBRAIN- Prozesses tauchen noch die Emotionen Scham, Ausgegrenztsein, Einsamkeit und Hilflosigkeit auf.

Gegen Ende der Intervention kann Nadine den Bewegungen meiner Hand mit fließenden Augenbewegungen folgen. Wir testen erneut: Beim Halten des Stiftes hat sie nun keinerlei Stress mehr. Ich bitte sie, mir den Text ihrer Geschichte auf einem Zettel aufzuschreiben. Nadine hat zunächst große Schwierigkeiten mit der Schreibschrift, denn sie hat keinerlei Übung im Halten des Stiftes. Aber sie schreibt, etwas unbeholfen, aber ohne zu zittern und sie hat dabei – von den mechanischen Schwierigkeiten abgesehen – nun keinen Stress mehr. Strahlend setzt sie an das Satzende ein lachendes Gesicht an Stelle eines Punktes. Mutter und Tochter umarmen sich ganz lange.

 

In den nächsten Wochen macht Nadine täglich Schwungübungen. Es stellt sich heraus, dass sie keinesfalls Beidhänderin ist, sie ist Linkshänderin. Im Kindergarten hat sie lediglich versucht, sich der Mehrheit der anderen Kinder, die rechtshändig gemalt haben, anzupassen, um nicht weiter aufzufallen. Nach den Osterferien bekomme ich von ihr eine wunderschön geschriebene und gestaltete Karte zugeschickt. In der Folgezeit hat sie es geschafft, das versäumte Schreiben durch unermüdliches Üben nachzuholen und wird nach den Sommerferien auf gesonderten Antrag hin in ein Gymnasium aufgenommen. Dort überspringt sie ein Jahr später eine Klasse.

Eulenhaus für Hochbegabte

Praxis für Hochbegabtenberatung und EMBRAIN®-Coaching

 

 

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