Fall 5:

Riad, 15 Jahre – Aggressionen eines Hochbegabten

 

Freitag, 19 Uhr, Sommer 2014. Mein Handy klingelt. Das Foto von B. erscheint auf dem Display. Er ist Schulleiter einer sog. „Förderschule“ und wir sind seit Jahren befreundet. B. klingt sehr besorgt und verschwendet keine Zeit auf Höflichkeitsfloskeln, sondern kommt sofort zur Sache. Einer seiner Schüler hat heute eine Mitschülerin schwer verletzt. Die Polizei war da, es gab nicht enden wollende Vernehmungen. Riad, der „Täter“, ist 15 Jahre alt und vor 18 Monaten aus Syrien geflüchtet. Innerhalb eines Jahres musste er wegen verschiedener Gewalttaten zwei Schulen verlassen. Der betreuende Psychotherapeut führt das aggressive Verhalten des Jungen sehr verständlicher Weise auf psychische Traumata vor und während der Flucht zurück: Riads Vater wurde in Syrien von Regierungstruppen erschossen. Auf der Flucht waren Riad und seine Mutter mehrfach in Lebensgefahr. Eine vor mehreren Monaten eingeleitete Traumatherapie tut dem Jungen zwar sehr gut, zeigt bislang aber keine Wirkung bzgl. seiner Aggressionen. Die Zeit drängt, da die Körperverletzungen zur Einleitung von Strafverfahren geführt haben.

Im Rahmen der psychologischen Untersuchungen wurde bei Riad ein IQ von ca. 145 festgestellt. B. möchte, dass ich mir den Jungen „,mal ansehe“. Ich muss lachen, denn diese Formulierung ist eine starke Verharmlosung für das, was da auf mich zukommt. B. verspricht daraufhin, für mich und meine Familie etwas Tolles zu kochen. Wer könnte da „Nein“ sagen? Ich nicht!

Als erstes organisiere ich einen Dolmetscher. Riad spricht zwar schon hervorragend Deutsch, aber bei unserer Arbeit wird es möglicherweise auf sprachliche Feinheiten ankommen. B. verspricht, mir alles aufzuschreiben, was er über Riad weiß und an ihm beobachtet hat. Seinem noch am selben Abend verfassten Bericht kann ich entnehmen, dass Riads „Ausraster“ seltsamer Weise immer freitags passieren.

 

Ich nehme mir für Riad einen ganzen Vormittag Zeit. Der Dolmetscher, Herr H., ist sympathisch, Riad mag ihn und der Mann, ebenfalls gebürtiger Syrer, versteht auf Anhieb meine Methode. Zunächst beteuert Riad, er wolle ganz bestimmt niemanden verletzen und könne sich gar nicht erklären, warum er immer wieder ausraste. Mit den Personen, die er angegriffen habe, hätte er eigentlich gar kein Problem. Er sei selbst völlig ratlos und hoffe sehr auf Hilfe. Ich erkläre meine Vorgehensweise, beschreibe meine Ansätze und zeige Riad den Myostatiktest. Mit diesem Muskel-Stress-Test werden wir auf die Suche nach der Ursache für Riads Gewaltausbrüche gehen. Der Junge ist bereit, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Ich gebe ihm trotzdem noch ein paar Tage Bedenkzeit.

 

Eine Woche später fangen wir an. Zu unserer aller Überraschung ergibt der Test keinerlei psychischen Stress als Ursache für Riads Gewalttätigkeit in der Schule. Ich wiederhole den Test, doch das Ergebnis bleibt dasselbe. Ich verändere die Fragestellung. Der Test bleibt dabei: Kein psychischer Stress! Ich grübele, improvisiere, teste auf Verdacht hin – kein Ergebnis. Wir machen eine kurze Pause, in der ich mich mit dem Dolmetscher bespreche. Ich bin irritiert, frage ihn, ob die sprachliche Verständigung zwischen ihm und Riad klappt oder einer von ihnen möglicherweise eine Art schwer übersetzbaren „Dialekt“ spricht. Herr H. bestätigt mir, dass er Riad bestens versteht und Riad nickt zustimmend.

 

Nach dieser Pause teste ich als Erstes den Satz „Meine Freitags-Aggressionen kommen von körperlichem Stress“. Und tatsächlich - der Test zeigt eine klare Stressreaktion an. Die körperliche Beeinträchtigung – so das weitere Testergebnis – stammt aus den Monaten der Flucht. Wir rätseln zu dritt, welche Form von körperlichem Stress Riad erlebt haben könnte. In Betracht kommen Schmerzen, eine Infektion, Kälte, Hitze, Hunger, Durst, Erschöpfung usw. Riad zuckt mit den Schultern. Er hat das alles erlebt.

 

Ich rufe B. an, der versprochen hat, heute auch während seines Unterrichts für mich erreichbar zu sein. „Was ist bei Euch in der Schule freitags los, was Riad körperlichen Stress bereiten könnte“? frage ich. „Riad hat an diesem Tag immer eine Doppelstunde Sport. Er ist ein begeisterter und toller Sportler“ antwortet B. sofort. „Hat er mal einen Sportunfall gehabt?“ frage ich. Die Antwort ist ein klares „Nein – bei uns nicht“. Zurück im Besprechungszimmer hat Riad gerade etwas Wasser verschüttet und bringt mich damit auf eine Idee. Ich teste: „Es ist Durst.“ Riad reagiert mit einem extrem schwachen Muskeltest. Er zeigt deutlichen Stress.

Der Rest ist schnell erklärt. Riads Mutter bestätigt später folgende Erzählung ihres Sohnes: Beiden ist auf der Flucht immer wieder das Trinkwasser ausgegangen. Einmal mussten sie fast zwei Tage lang laufen, ohne einen Tropfen Wasser zur Verfügung zu haben. Riad hat immer wieder über Kilometer hinweg seine kleine Schwester auf seinem Rücken getragen. Ihre Körper sind in der Hitze damals stark dehydriert und haben diese Not in Form eines körperlichen Traumas gespeichert. Vermutlich hätte die kleine Familie damals nicht mehr lange überlebt, wenn sie nicht auf ein Dorf gestoßen wären, in dem man ihnen das dringend gebrauchte Wasser geben konnte.

Sportbegeistert wie Riad ist, vergisst er an den Freitagen während der Doppelstunde Sport bei den Mannschaftsspielen meist, zwischendurch genügend Wasser zu trinken. Sein Körper geht aufgrund der gespeicherten Trauma-Erfahrung bei den leisesten Anzeichen für eine beginnende erneute Dehydrierung in Alarmbereitschaft und Riad reagiert – ohne es zu wollen – auf seelischer Ebene mit starker Aggression auf diese vom Körper signalisierte und vom Gehirn immer noch abgespeicherte „Todesgefahr“.

Mit einer einfachen EMBRAIN-Intervention auf der Basis schneller Augenbewegungen setzen wir dem Spuk ein Ende und integrieren das körperliche Trauma. Riads Gewalttätigkeiten sind damit endgültig beendet. Drei Monate später wird er auf Betreiben von B. wieder in sein altes Gymnasium aufgenommen. Seine Schulleiterin schätzt ihn inzwischen als charmanten und hilfsbereiten Schüler, der sich sozial und politisch stark engagiert. Nach der Bearbeitung des körperlichen Traumas kann Riad Sport treiben, ohne auf regelmäßiges Trinken achten zu müssen. Gesünder ist es natürlich trotzdem!

Auf mein Anraten hin arbeitet Riad zur Zeit den Tod seines Vaters und weitere psychische Belastungen in einer Gesprächstherapie mit einem versierten Therapeuten auf, der seine Muttersprache spricht.

 

Nachtrag:

 

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Falles studiert Riad Medizin und wird aufgrund seiner herausragenden Leistungen von einer der renommiertesten Stiftungen Deutschlands gefördert.

Er kam nicht als Chefarzt zu uns, aber er hat fest vor, als solcher nach Syrien zurückzugehen.

Da ich alle meine Klienten in mein Herz geschlossen habe, wäre es mir lieber, er bliebe hier. Aber das behalte ich erst einmal für mich.

 

 

Anmerkung zum Thema Dehydrierung und deren Folgung

 

Eine für Körper und Seele „traumatische“ Dehydrierung habe ich in meiner Praxis auch in folgendem Fall erlebt:

 

- Ein Kleinkind hatte kurz vor einer Operation einen Magen- und Darminfekt mit starkem Wasserverlust. Drei Tage vor dem OP-Termin ging es ihm wieder sehr gut, sodass der Termin beibehalten wurde. Offenbar hatte sich der Wasserhaushalt aber noch nicht wieder normalisiert, als das Kind zur Vorbereitung auf die OP dann nichts mehr trinken durfte. Die OP dauerte mehrere Stunden, weil leichte Komplikationen auftraten. Das Kind wurde im Krankenhaus mit Infusionen korrekt versorgt. Doch offenbar hat sein Körper angesichts dieser Umstände einen stark gestörten Wasserhaushalt wahrgenommen und einen Notfall an das Gehirn gemeldet. Dieser „triggerte“ im späteren Leben des Kindes bei verschiedenen Gelegenheiten, in denen es zu spät zu trinken bekam bzw. trank, obgleich dann keine lebensbedrohliche Situation vorlag. 

Eulenhaus für Hochbegabte

Praxis für Hochbegabtenberatung und EMBRAIN®-Coaching

 

Telefon und Bürozeiten:

Di und Do 9-12 Uhr 

 

Anschrift

Dr. Catrin Lange

Hürther Kunst- und Medienviertel

Kalscheurener Straße 4
50354 Hürth

Tel. 02233 - 46 00-378

Email: eulenhaussekretariat(at)

gmail.com

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Dr. Catrin Lange