Fall 3: 

Mirco, 11 Jahre - Verlässlichkeit von Testungen im Vorschulalter und von Einstufungen nach Merkmallisten

 

Mirco S. galt schon im Kindergarten als aufgewecktes Kerlchen. Im Alter von 5 Jahren empfahlen die Erzieherinnen seinen Eltern, ihn vorzeitig einschulen zu lassen, weil sie ihn für hochbegabt hielten. Herr und Frau S. hatten zunächst Bedenken. Sie wandten sich deshalb an eine Erziehungsberatungs-Stelle, von der sie wussten, dass dort auch Intelligenztests gemacht werden. Man empfahl ihnen, die vorzeitige Einschulung vom Ergebnis eines solchen Tests abhängig zu machen. Mirco wurde mit einem Intelligenztest für Vorschulkinder getestet, als er 5 Jahre und 2 Monate alt war. Er erreichte einen Prozentrang von 99. Die Beratungsstelle attestierte ihm folglich eine Hochbegabung und empfahl seine vorzeitige Einschulung. Mit 5 Jahren und 4 Monaten trat Mirco in die 1. Klasse der örtlichen Grundschule ein.

 

Inzwischen ist Mirco 11 Jahre alt und besucht die 7. Klasse eines Gymnasiums. Dort fällt er durch regelmäßiges Stören des Unterrichts und aggressives Verhalten den Mitschülern gegenüber auf. Seine schulischen Leistungen sind gut bis befriedigend. Mirco selbst klagt über Langeweile in der Schule. Im letzten halben Jahr musste er wegen zahlreicher Infekte sehr häufig zuhause bleiben. Die auch diesmal in Anspruch genommene Beratungsstelle ist der Auffassung, dass die Verhaltensauffälligkeiten Zeichen einer erneuten Unterforderung sind und empfiehlt den Eltern, Mirco noch ein Jahr überspringen zu lassen. Dieses Vorhaben scheitert am Widerstand der Schule, die Zweifel an Mircos Hochbegabung äußert.

 

Herr S. setzt sich mit mir telefonisch in Verbindung, nachdem Mirco wiederholt Suizidgedanken geäußert hat. Er trägt vor, sein Sohn erleide in seinem Gymnasium das typische Schicksal eines Hochbegabten. Er werde nicht gefördert, sondern man versuche ihm lediglich zu beweisen, dass er nicht so schlau sei, wie seine Eltern glaubten. Nach mehreren als zermürbend empfundenen Machtkämpfen mit den Lehrern halte er es nun für das Beste, wenn Mirco die Schule wechsele. Von mir möchte er wissen, welches Gymnasium ich für Hochbegabte empfehlen könne.

 

Ich bitte Herrn S., mir die Protokolle der Testergebnisse zuzusenden und einen Elternfragebogen zur bisherigen Entwicklung Mircos auszufüllen. Auch Mirco möchte ich einen Fragebogen zukommen lassen. Aber Herr S. sieht in dieser Vorgehensweise keinen Sinn und verweist erneut darauf, dass er von mir lediglich den Namen einer für Mirco geeigneten Schule hören möchte. Ich erkläre ihm, dass es aus meiner Sicht keine Schule gibt, die für jedes hochbegabte Kind „richtig“ wäre. Ich bin der Meinung, dass es nur Entscheidungen im Einzelfall – abhängig vom Begabungsprofil und der Persönlichkeit des Kindes sowie vom Angebotsprofil und Konzept der Schule – geben kann. Nur zu oft haben wir im Übrigen erlebt, dass sich ein hochbegabtes Kind in einer Schule sehr wohl fühlt und ein ebenfalls hochbegabtes Geschwisterkind dieser Familie dort gar nicht zurechtkommt. 

 

Widerwillig überlässt mir Familie S. die gewünschten Unterlagen. Auffällig ist zunächst, dass Mircos Antworten in seinem Fragebogen keinerlei Hinweise auf eine besondere Begabung geben. Mircos Darstellungen weisen nicht auf einen kognitiven Entwicklungs-Vorsprung des Jungen hin. Im Gespräch mit mir zeigt er sich zurückhaltend, taut aber auf, als ich verschiedene Spiele mit ihm spiele. Mirco ist nun mit Begeisterung dabei, zeigt aber keine der für hochbegabte Kinder so typischen strategischen Stärken. Er spielt wie ein völlig normaler 11-jähriger. Als ich mit ihm über Schule spreche, zeigt sein Gesicht Mikroexpressionen von Trauer und Wut.

 

Der Elternfragebogen dagegen weist nahezu sämtliche im Internet auffindbaren „typischen Merkmale“ eines Hochbegabten in den Beschreibungen der Eltern zu  Mirco auf. Danach braucht der Junge nur ganz wenig Schlaf, hat eine schnelle Auffassungsgabe, wenig Freunde, großes Interesse an naturwissenschaftlichen Themen und Probleme in der Schule. Auch diskutiert und widerspricht Mirco nach Auffassung seiner Eltern auffällig gern. Im Gespräch mit mir dagegen wirkte das Kind eher angepasst und wenig kritisch.

 

Ich berichte Mircos Vater und Mutter von meinen Beobachtungen und spreche den Verdacht aus, dass Mirco möglicherweise zu Unrecht als hochbegabt eingestuft wurde. Ich erkläre den Eltern, dass Intelligenztests im Alter von 5 Jahren noch wenig zuverlässig sind und der bei Mirco angewandte Test zudem von seiner Normierung her als veraltet bezeichnet werden kann. Ich nehme die von Mirco gezeigten Symptome aber sehr ernst, vermute einen Zusammenhang mit dem damaligen Ergebnis und schlage eine erneute Testung vor. Das Ehepaar S. lehnt dies entrüstet ab. Auch mein Hinweis, dass sich die Anzeichen von Unter – und Überforderung sehr ähneln und Mirco eventuell unter den Ansprüchen leidet, die seine Umwelt an ihn stellt, findet kein Gehör. Herr und Frau S. erklären, sich anderswo Rat holen zu wollen. Die von mir angebotene Adresse einer qualifizierten Kollegin lehnen sie ab.

 

Ein Jahr später erreicht mich ein Hilferuf der Familie per Mail. Mirco ist - inzwischen 12 Jahre alt - nach einer Phase der Schulverweigerung nun von zuhause weggelaufen. Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er sich bei seinen Eltern für den Kummer entschuldigt, den er ihnen bereitet und der mit den Worten schließt: „Ich weiß, dass ich eine Enttäuschung für Euch bin. Ich glaube, Euer Leben wird ohne mich leichter sein.“ Eine Polizeistreife hat den Jungen vor zwei Tagen gegen 23 Uhr am Kölner Hauptbahnhof aufgegriffen. Seitdem spricht er nicht mehr.

Ich räume den Eltern einen schnellen Termin in meiner Notfall-Sprechstunde ein und bitte sie, den Jungen mit mir allein zu lassen. Ich erkläre Mirco, das sein Hilferuf gehört und von mir auch als solcher verstanden wird. Ich sage ihm auch, dass ich eine nochmalige Intelligenz-Testung in seinem Fall für wichtig halte, jedoch der Meinung bin, dass er im Moment psychisch zu aufgewühlt ist, um sein Potential zeigen zu können. Ich schlage ihm vor, zunächst mit Hilfe des Myostatik-Tests zu schauen, welche Ressourcen er jetzt benötigt, um wieder Tritt zu fassen. Mirco ist einverstanden.

Nach diesem Gespräch bitte ich die Eltern, für ihren Sohn bei der von mir empfohlenen Kollegin einen Testtermin in zwei bis drei Monaten auszumachen. Aufgrund des bisherigen Beratungsverlaufs möchte ich, dass der Junge den Intelligenztest bei einer „neutralen Stelle“ macht.

 

In der Zeit bis zum Test stabilisieren wir Mirco mit Hilfe des EMBRAIN-Ressourcentrainings. Zuhause spricht er noch immer nicht, im Eulenhaus arbeiten wir mit Nicken, Kopfschütteln und einzelnen Wörtern, die er auf eine Schiebe-Lösch-Tafel schreibt. Der Myostatiktest ergibt, dass Mirco die Ressourcen innere Ruhe und Sicherheit benötigt, um wieder in eine gute Balance zu gelangen und in die Schule zurückkehren zu können. Wir arbeiten mit von Mirco erinnerten Situationen, die er erfolgreich bewältigt hat und in denen er die Emotionen innere Ruhe und Sicherheit deutlich empfinden konnte.

Aber erst als wir die negativen Emotionen „Versagensangst“ und „Gefühl von Gefahr“ bearbeitet haben, geht es ihm wirklich besser. Im Laufe der folgenden Wochen erholt sich der Junge sichtbar. Nach ca. 1 Monat spricht er wieder, allerdings leise und sehr wenig. Ich frage ihn, welche Ressourcen er benötigt, um den Intelligenztest machen zu können. Mirco nennt mir die Ressourcen Kraft, Energie und Mut. Wir benötigen weitere 4 Wochen, um diese Aspekte zu bearbeiten. Danach fühlt sich Mirco den Anforderungen des Tests gewachsen. Auch der Myostatik-Test zeigt keine Anzeichen von Stress mehr.

 

Zwei Monate später wird Mirco von einer Kollegin getestet. Er erreicht im HAWIK IV einen Gesamt IQ von 116. Der CFT 20 R zeigt ein ähnliches Ergebnis. Meine testende Kollegin, die in die Problematik des Falles eingeweiht ist, bittet mich, der Familie das Testergebnis mit ihr zusammen bekannt zu geben. Wir sprechen zunächst mit Mirco allein. Wir erklären ihm anhand der Gauß´schen Normalverteilungskurve, dass er sehr intelligent, aber nicht hochbegabt ist. Schließlich lassen wir ihn wissen, dass er mit einem IQ von 116 sehr gut das Abitur machen und anschließend auch studieren können wird. Mirco wirkt erleichtert und bedrückt zugleich. Ich biete ihm an, mit ihm noch ein gesondertes Gespräch zu diesem Testergebnis zu führen und er willigt sofort ein.

 

Das Gespräch mit Mircos Eltern verläuft sehr ruhig. Beide benötigen Zeit, um die Geschehnisse der letzten Monate zu verarbeiten. Herr S. spricht aus, was schon seit einigen Wochen in der Luft liegt: Das Testergebnis ist eigentlich keine Überraschung mehr für die Eltern. Beide sind ihrem Sohn in den letzten Wochen so nah gekommen, dass sie nicht nur seine Not, sondern auch seine  Normalität wieder spüren konnten. Ich erkläre ihnen, dass es vielen Eltern so geht wie ihnen. Wenn der Kindergarten den Verdacht einer Hochbegabung äußert und dieser dann auch noch durch ein Testergebnis scheinbar bestätigt wird, dann ist es für Eltern kaum noch möglich, diese Zuschreibung in Frage zu stellen. Wir besprechen noch, wie wichtig es jetzt ist, Mirco spüren zu lassen, dass er in den Augen seiner Eltern auch ohne Hochbegabung „richtig“ ist. Für mich ist es eine große Erleichterung, als beide Eltern auf den Myostatiktest „Mirco darf normal sein“ absolut fest und stressfrei reagieren. Herr und Frau S. lieben ihren Sohn auch ohne eine besondere Begabung. 

 

Ich schlage vor, dass wir nun noch Mircos Sprachproblem mit EMBRAIN bearbeiten. Mirco und seine Eltern sind einverstanden. In Gegenwart der Eltern testen wir: „Mein Sprachproblem hat zu tun mit ….“ und finden heraus, dass die Emotionen Trauer und Scham Mirco Stress bereiten. Er erklärt mir, dass er sich kaum in die Schule zurück traue, weil seine besondere Begabung sich nicht bestätigt habe. Angesichts der Tatsache, dass er nicht hochbegabt ist, denkt Mirco nun über sich:

 

„Ich muss mich schämen.“

„Ich bin nicht gut genug.“

„Ich bin nicht liebenswert.“

 

Er würde lieber über sich denken können:

 

„Ich bin in Ordnung, so wie ich bin.“

 

Mircos Eltern sind erschüttert. Beide drücken ihren Sohn so fest wie möglich. Auf der Skala von -10 bis +10 stuft Mirco seine Trauer dennoch bei -9 ein. Im Körper spürt er sie in Form eines Kloßes, der ihm im Hals sitzt. Im Laufe des ersten Wink-Sets füllen sich Mircos Augen mit Tränen. Während des zweiten Sets löst sich der Kloß im Hals langsam auf und wird kleiner. Nach dem 3. Set testet die Emotion Trauer bereits fest, aber Scham und Hilflosigkeit schwach. Während des 4. Sets verschwindet die Enge im Hals vollständig und Mirco platzt mit klarer und fester Stimme heraus: „Ist doch ok, dass ich so normal bin!“ Alle Emotionen testen nun stark.

 

Im Anschluss an die Intervention hat Mirco noch eine drängende Frage: „Muss ich jetzt eine Klasse zurück, wenn ich nicht hochbegabt bin?“ Da Mirco kein schlechter Schüler ist und sich in seiner jetzigen Klasse eigentlich ganz wohl fühlt, beschließen wir gemeinsam, dass alles so bleibt, wie es ist. Wir besprechen, dass das neue Testergebnis den Dingen allerdings ein neues Vorzeichen gibt: Bisher galt Mirco als der hochbegabte Junge, der in der Schule nicht zeigt, was in ihm steckt. Nun kann er sich als normal begabten Schüler ansehen, der es nach vorzeitiger Einschulung geschafft hat, mit den älteren Schülern mitzuhalten und der für seinen weiteren Erfolg wird arbeiten müssen. Mirco verlässt mich mit neuer Stimme und einem völlig entspannten Gesicht. Seine Unkonzentriertheit bessert sich in der Folgezeit Schritt für Schritt. Sein aggressives Verhalten legt er von einem Tag auf den anderen ab.

 

 

Anmerkung zur fälschlichen Einstufung normalbegabter Kinder als hochbegabt

 

Es tut hochbegabten Menschen nicht gut, wenn ihre Begabung nicht erkannt wird. Wir alle kennen Fälle, in denen verkannte hochbegabte Jungen auf Sonderschulen gelandet oder sitzen geblieben sind und keinen Schulabschluss bekommen haben. Diese Fälle sind zu bedauern und wir müssen weitaus mehr Anstrengungen unternehmen, um sie zu vermeiden.

 

In den letzten Jahren hatte ich es zugleich mit einer wachsenden Zahl von Fällen zu tun, in denen völlig normale Kinder zu Unrecht als hochbegabt eingestuft wurden. In der Folge werden diese Kinder von ihrer Umwelt quasi gezwungen, so etwas wie eine „hochbegabte Identität“ auszubilden, die sich an den oft fehlerhaften Merkmallisten zu orientieren hat, die in der Literatur und im Internet zu begabten Kindern kursieren. In der Konsequenz berichten diese Kinder mir oft, ihr ganzes Leben habe sich, ohne dass sie es hätten benennen können, völlig falsch angefühlt. Ein 9jähriger Junge erzählte mir, er hätte mit 6 Jahren für sein Leben gern Fußball gespielt, aber hochbegabte Kinder würden sich für so etwas ja nicht interessieren!

 

Ich möchte betonen, dass es keinesfalls immer die Eltern sind, auf deren Konto diese Fehleinstufung zu verbuchen ist. Nur allzu häufig wirken sogenannte Fachleute an diesem Problem mit, das zu nicht minderschweren psychischen Beeinträchtigungen führen kann, als das Übersehen einer Begabung. Oft ist es für uns sehr schwierig, die Beziehung zwischen Eltern und Kind wieder auf eine vertrauensvolle Basis zurückzuführen, wenn sich herausstellt, dass ein Kind „nur“ normal ist. Viele Kinder spüren die Ent-Täuschung ihrer Eltern, wenn sich herausstellt, dass sie nicht hochbegabt sind. Im Rahmen der EMBRAIN-Interventionen stellt sich allerdings heraus, dass diese Eltern sich eigentlich gar kein besonders begabtes Kind gewünscht haben. Die meisten wären mit einem normalen Kind sehr zufrieden gewesen. Für sie hat es lediglich eine Erleichterung dargestellt, mit der vermeintlichen Hochbegabung auch eine Erklärung für die Verhaltensauffälligkeiten ihres Kindes geliefert bekommen zu haben.

 

Ähnliches lässt sich über einige Berater sagen: Wenn sie kein Mittel gegen die ADHS-Symptomatik ihrer kleinen Klienten finden, dann kommt ihnen eine Hochbegabung als Erklärung gerade recht. „Das Kind langweilt sich, deshalb ist es unruhig und unkonzentriert“, heißt es dann und sie können den schwarzen Peter der Schule zuschieben. Wenn dort besser differenziert würde, müssten sich Hochbegabte ja nicht langweilen. Die Schule ist also Schuld und alle anderen Beteiligten sind aus dem Schneider.

 

In einem späteren Kapitel zum Thema ADHS werde ich darstellen, dass die Ursache für eine ADHS-Symptomatik bei Hochbegabten selten in begabungsbedingter Langeweile zu suchen ist. Für Normal – wie Hochbegabte wäre es daher sinnvoll, im Rahmen von Verhaltensauffälligkeiten nach deren Ursachen unabhängig von der Frage der Begabung zu suchen.

 

Unabhängig davon bleibt es eine Tatsache, dass unsere Schulen keinem Kind gerecht werden, weder den hoch- noch den normalbegabten. Es besteht für beide Seiten dringender Handlungsbedarf!

 

 

Anmerkung zu Testungen in der Vorschulzeit

 

Der hier geschilderte Sachverhalt ist leider kein Einzelfall. Der Erfahrung der meisten Experten nach lässt sich Intelligenz erst ab einem Alter von ca. 12 Jahren wirklich zuverlässig testen. Testungen im Alter von 6 Jahren können wichtige erste Hinweise auf eine besondere Begabung geben, sollten jedoch zu einem späteren Zeitpunkt sicherheitshalber bei Bedarf, d.h. wenn wichtige begabungsabhängige Entscheidungen anstehen oder ein Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt, wiederholt werden. Testungen, die bereits im Vorschulalter stattfinden, sind deshalb so problematisch, weil alle Kinder in diesem Alter - unabhängig von ihrer Begabung - erhebliche kognitive Entwicklungssprünge vollziehen, die das Testergebnis beeinflussen können.

Hinzu kommt, dass der im Vorschulalter zur Zeit noch am häufigsten eingesetzte Intelligenztest einer veralteten Normierung unterliegt und deshalb oft zu hohe IQ – Werte ausweist. Entscheidungen wie eine vorzeitige Einschulung sollten meiner Meinung nach deshalb nicht von einem solchen Test abhängig gemacht werden. Dasselbe gilt für vorschnelle Zuschreibungen  von Kindergartenpersonal und Kinderärzten. Diese kommen häufig auf der Grundlage von Momentaufnahmen oder Vergleichen zustande, die ebenfalls keine sichere Basis für die Einschätzung von Intelligenz darstellen. Dabei kann die Wahrnehmung von Erzieherinnen und Ärzten, dass das betreffende Vorschulkind Gleichaltrigen in seiner Entwicklung voraus ist, zum Zeitpunkt ihrer Feststellung sogar völlig richtig sein. Zu beachten ist aber, dass Kinder sich unabhängig von ihrer Intelligenz, je jünger sie sind, um so stärker in ihrer Entwicklung unterscheiden.  Dasselbe Kind, das im einen Monat weit entwickelt erscheint, kann Monate später, wenn die anderen Kinder denselben Sprung vollzogen haben, wieder ganz normal sein. Erst wenn wir im Grundschulalter einen konstant bleibenden oder sogar größer werdenden kognitiven Entwicklungsvorsprung beobachten, kann dies als Hinweis auf eine besondere Begabung gelten.

 

 

Anmerkung zu den Merkmallisten für Hochbegabte

 

Im Internet finden sich Listen mit angeblich „typischen“ Merkmalen von Hochbegabten, die Eltern und Lehrern zur Identifizierung hochbegabter Kinder dienen sollen. Zumeist sind dort Punkte aufgelistet, die tatsächlich häufig auf Hochbegabte zutreffen. Einen zuverlässigen Rückschluss lassen sie jedoch nicht zu, denn die erwähnten Merkmale können tatsächlich bei allen Kindern vorkommen. So tritt z.B. Langeweile im Unterricht sowohl bei hoch- als auch bei minderbegabten Schülern auf. Ein Kind langweilt sich genauso, wenn es sich über längere Zeit Dinge anhören muss, die es überhaupt nicht versteht, wie wenn es einem Stoff folgen soll, den es bereits beherrscht. Und wenn immer wieder betont wird, Hochbegabte hätten ein Problem mit der Anerkennung von Autoritäten, so sollte man im Auge behalten, dass dies genauso für Kinder gelten kann, denen im Rahmen ihrer Erziehung keine Grenzen gesetzt wurde. Während Hochbegabte in der Regel nur ein Problem mit Autoritäten haben, deren Kompetenz sie in Frage stellen, haben Kinder ohne Grenzen ein Problem mit jedem Erwachsenen, der von ihnen etwas fordert.

 

Doch Merkmallisten sind auch in entgegengesetzter Richtung problematisch: Selbst wenn kein einziges der aufgelisteten Merkmale auf ein Kind zutrifft, so kann es sehr wohl hochbegabt sein, denn Hochbegabte sind untereinander so verschieden wie andere Menschen auch. Dies zeigt sich insbesondere bei dem immer wieder als typisch erklärten geringen Schlafbedürfnis Hochbegabter. Einige begabte Kinder schlafen tatsächlich wenig, andere dagegen berichten, dass sie sich eher schnell erschöpft fühlen und sehr viel Schlaf benötigen. Sportliche, bewegungsfreudige begabte Kinder fallen abends wie Steine ins Bett und schlafen durch. Hochbegabte Schüler, die Sorgen haben, schlafen vielleicht wenig und schlecht.

 

Intelligenztests sind deshalb zurzeit die einzige Möglichkeit, um eine Hochbegabung verlässlich festzustellen. Ich selbst habe mir eine Zeit lang angemaßt, vor einer Testung in einem Gespräch mit den Kindern festzustellen, ob es ausreichend Hinweise auf eine besondere Begabung gibt, die eine Testung rechtfertigen. Mein Ehrgeiz war es, möglichst vielen normalbegabten Kinder eine Testung und eine damit möglicherweise verbundene Kränkung zu ersparen. Inzwischen denke ich darüber anders und lege Wert darauf, dass die Testinstitution eine solche Kränkung verhindert. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass es Hochbegabte gibt, die normaler sind als normal und mir in einem noch so langen Gespräch keine Hinweise auf eine Begabung geben.

Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen, erzähle ich Ihnen die Geschichte von Ulli, siehe Fall 4.

 

 

 

 

Eulenhaus für Hochbegabte

Praxis für EMBRAIN®-Coaching

 

Anschrift

Dr. Catrin Lange

Hürther Kunst- und Medienviertel

Kalscheurener Straße 4
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Tel. 02233 - 46 00-378

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