Fall 2:

Lukas, 14 Jahre

Hochbegabter "Underachiever" mit Prüfungsangst?

Lukas M., 14 Jahre alt, ist hochbegabt und besucht die 8. Klasse eines Gymnasiums. Aufgrund schlechter Noten in fast allen Fächern hat Lukas die 8. Klasse bereits einmal wiederholt. Im April suchen seine Eltern meine Beratung auf, weil Lukas nach den ersten Klassenarbeiten des zweiten Schulhalbjahres wiederum in vier Fächern auf Fünf steht. Wenn er erneut sitzen bleibt, muss er die Schule verlassen – so die Auskunft des Klassenlehrers. In der Schule ist Lukas Hochbegabung bekannt. Er wird von seinen Lehrern mit Bedauern und großer Ratlosigkeit als hochbegabter „Underachiever“ geführt. Seine ebenfalls hochbegabte Schwester hat dieselbe Schule ohne Probleme bis zum Abitur durchlaufen. Das Kollegium empfiehlt den Eltern, Lukas auf ein Internat zu geben, damit er „sich dort fangen“ kann.

Im Erstgespräch erläutere ich den Eltern, dass ich nichts davon halte, ein Kind als „scheinbare“ Lösung auf ein Internat zu schicken, wenn ich sein Problem gar nicht kennen. Ich schlage vor, dass wir uns gemeinsam mit Hilfe der EMBRAIN-Methode auf die Suche nach der Ursache für Lukas Problem machen. Anschließend kann die Familie immer noch über ein Internat nachdenken. Beide Elternteile stimmen meinem Vorschlag erleichtert zu. Insbesondere Lukas Mutter kann sich überhaupt nicht vorstellen, ihr Kind in dieser Situation auf ein Internat „abzuschieben“, wie sie es nennt.

Eine Woche nach dem Erstkontakt mit den Eltern führe ich ein weiteres Gespräch allein mit der Mutter, in dem ich sie nach dem Verlauf der Schwangerschaft, der Geburt und der ersten drei Lebensjahre und eventuellen Besonderheiten frage. Es ergeben sich keine Hinweise für meine Arbeit mit Lukas. Auch hat es in der Familie in den letzten Jahren und Monaten keine ernsthaften Krankheiten, Todesfällen, finanziellen Sorgen, eine Trennung der Eltern oder Ähnliches gegeben.

Frau M. beschreibt ihren Sohn als unmotiviert, lernfaul und die Schule insgesamt ablehnend. Sie stellt aber auch fest, dass Lukas in letzter Zeit sehr oft traurig und deprimiert wirkt und sich mehr und mehr zurückzieht. Frau M. ist besorgt, weil sie nicht das Gefühl hat, dass Lukas Probleme allein pubertätsbedingt sind. Insbesondere sein fehlendes Interesse am Kontakt zu Gleichaltrigen beunruhigt sie. Lukas ist in seiner Klasse zwar beliebt, aber er schlägt Einladungen von Mitschülern regelmäßig aus.

Ich erkläre der Mutter, welche Möglichkeiten der Intervention ich sehe und erläutere ihr insbesondere die Einzelheiten der wingwave-Methode. Wir vereinbaren einen Termin, an dem ich mit Lukas sprechen werde.

Lukas kommt in meine Beratung und ist sehr angespannt. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er große Angst vor den Klassenarbeiten hat, weil er beim Schreiben regelmäßig gedanklich vom Thema abschweift und sich mit interessanten Überlegungen dazu verzettelt. Am Ende gerät er jedes Mal in Zeitdruck und gibt schließlich eine Klassenarbeit ab, die lediglich aus wenigen schriftlichen Ausführungen besteht. Da er weiß, dass er sich jetzt keine Fünf mehr leisten kann, ist seine Angst vor den Arbeiten so sehr gewachsen, dass er bereits einige Male auch eine Art „Black Out“ hatte und gar nichts mehr zu Papier bringen konnte.

Mit dem Myostatik-Test stelle ich fest, dass Lukas im Zusammenhang mit seinem Thema auf die Sätze „Es ist Angst“ und „Es ist Ohnmacht“ schwach testet, das heißt, diese Emotionen bereiten ihm Stress und sind zu bearbeiten. Ein weiterer Test ergibt, dass wir mit der Intervention zur Angst beginnen sollten. Auf einer Bewertungs-Skala von -10 bis +10 stuft Lukas sein Gefühl der Angst bei -9 ein und erklärt, die Angst fülle ihn nahezu gänzlich aus.

Ich bitte Lukas, in seinem Körper nachzuspüren, wo genau sich die empfundene Angst körperlich bemerkbar macht. Lukas zeigt auf seinen Hals und erklärt, die Angst sitze ihm wie ein Kloß in der Kehle und behindere seinen Atem.

Wir beginnen mit der wingwave-Intervention. Während Lukas sich auf seine Angst und das dazugehörige Körpergefühl konzentriert, winke ich mit meiner Hand in schnellem Takt vor seinen Augen. Nach zwei Winksets gibt Lukas an, die Angst habe sich abgeschwächt und sei vom Hals in den unteren Brustbereich gerutscht. Nach zwei weiteren Sets kann Lukas seine Angst nur noch als kleinen Rest im Bauchbereich spüren. Er gibt auf der Skala nun einen Wert von -1 an. Sein Gesicht ist jetzt völlig entspannt, seine Atmung tief und regelmäßig. Lukas möchte es in dieser Sitzung bei dem kleinen Restgefühl von Angst im Bauch belassen, weil er es nicht normal findet, gar keine Angst vor Klassenarbeiten zu haben. Ich gebe ihm für die nächsten Tage eine wingwave-Musik-CD mit, die er über Kopfhörer hören kann, wann immer er Lust dazu hat.

In der Folgewoche schreibt Lukas zwei Klassenarbeiten. Seine Mutter gibt mir telefonisch die Rückmeldung, dass es Lukas dabei sehr gut gegangen sei.

14 Tage später sehe ich Lukas wieder. Zum Thema Angst reagiert er beim Myostatiktest nun stark, d.h. wir haben die Angst erfolgreich „bewunken“. Beim Thema Ohnmacht dagegen zeigt Lukas noch eine Schwäche, die er auf Nachfrage hin gern bearbeiten möchte. Lukas kann in Worten nicht angeben, worauf sich seine empfundene Ohnmacht bezieht. Auf der Bewertungsskala gibt er sie mit -7 an. Im Körper spürt er sie in seinen Händen, die er als schmerzhaft verkrampft beschreibt.

Ich schlage ihm vor, diesmal nicht zu winken, sondern den wingwave- Prozess mit taktilen Reizen einzuleiten. Lukas willigt ein und bekommt in seine Hände jeweils kleine rechteckige Pads, die abwechselnd vibrieren, während er sie festhält.

Lukas konzentriert sich auf das Gefühl der Ohnmacht und das schmerzhafte Echo dieser Emotion in seinen Händen. Ich schalte das taktile Gerät ein. Nach kurzer Zeit gibt Lukas mir das verabredete STOP- Zeichen. Er hat Tränen in den Augen und weiß nun, woher das Gefühl der Ohnmacht stammt: In der 3. Klasse seiner Grundschule wurde er von Mitschülern wegen seiner guten Noten massiv gemobbt. Die Kinder hatten damals zum ersten Mal ein Zeugnis mit Ziffern-Noten bekommen und Lukas hatte in allen Fächern eine Eins. Außerdem hatte seine Lehrerin mehrfach seine besonders schöne Schrift gelobt, was ihm sehr peinlich war. Einige Mitschüler hatten ihn daraufhin gehänselt und auf dem Schulhof „Streber“ und „Schönschreiber“ hinter ihm hergerufen. Sein bester Freund wandte sich in der Folgezeit von ihm ab und schloss sich einem anderen Jungen an. Lukas hatte sich damals absolut hilflos und ohnmächtig gefühlt. Er bringt das Erlebte heute auf den Punkt: „Wenn ich in der Schule gut bin, dann verliere ich meine Freunde.“

Ich bitte Lukas, als Spiegelbild auf diese negative Kognition eine positive Ich-Kognition zu finden. Mit großer Mühe spricht Lukas aus: „Ich darf gute Noten haben.“ Er stuft diesen Satz als sehr unglaubwürdig ein.

Wir setzen den wingwave–Prozess fort. Bereits nach dem nächsten Vibrations-Set hat der Schmerz in Lukas Händen deutlich nachgelassen. Nach einem weiteren Set kann er das Gefühl der Ohnmacht nicht mehr lokalisieren. Seine Hände sind warm und locker. Dafür verspürt er nun große Trauer darüber, damals seinen Freund verloren zu haben. Das Gefühl der Trauer lässt sich als starker Druck im Brustbereich lokalisieren.

Wir fahren mit der wingwave-Intervention fort. Lukas konzentriert sich nun auf seine Trauer über den Verlust seines Freundes. Nach dem zweiten Set spürt er sie abgeschwächt im Bauch. Nach dem dritten Set ist sie kaum noch zu spüren und schließlich ganz verschwunden.

Ich frage Lukas, wie glaubwürdig ihm der Satz „Ich darf gute Noten haben“ nun erscheint. Lukas findet diese Aussage jetzt sehr aufregend und interessant.

Mit langsamen Winkbewegungen vor Lukas Augen, „webe“ ich diese positive „Ich-Kognition“ nun ein, während er sich auf den Satz „Ich darf gute Noten haben“ konzentriert. Lukas wird dabei ganz ruhig. Am Ende der Intervention strahlt er und sagt: „Das ist doch selbstverständlich. Na klar darf ich gute Noten haben! Wäre ja noch schöner ...“

Entspannt verlässt Lukas mich an diesem Abend. In den nächsten drei Wochen mobilisiert er seine ganze Kraft auf das aufholende Lernen. Er schreibt keine Klassenarbeit schlechter als Zwei und bekommt in der letzten Mathearbeit eine Eins. Seine Mutter berichtet mir am Telefon überglücklich, dass Lukas beschlossen hat, seinen Geburtstag zu feiern und dazu einige Klassenkameraden einzuladen. Beim Abschlussgespräch meckert er mir gegenüber völlig entspannt darüber, dass ihm die Musik auf der wingwave-CD inzwischen zum Hals heraus hängt. Dabei grinst er zufrieden. Am Ende des Schuljahres wird Lukas in die 9. Klasse versetzt. 

Eulenhaus für Hochbegabte

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