Hochbegabte Erwachsene

Constanze M., 46 Jahre

 

Frau M. ist eine erfolgreiche Unternehmerin. Sie hat einen Fahrer, Herrn A., der sie morgens zuhause abholt und tagsüber zu Geschäftsterminen fährt. Die beiden kennen sich seit Jahren und fühlen sich sehr verbunden. Eines Morgens berichtet ihr Herr A., dass seine Frau erneut an Krebs erkrankt ist und operiert werden muss. Frau M. drängt ihn, für ein paar Tage zuhause zu bleiben und seine Frau in dieser Situation nicht allein zu lassen. Herr A. nimmt das Angebot dankend an.

Gegen Abend beschließt Frau M., noch ein Geschenk für den Geburtstag ihres Patenkindes zu kaufen. Mit ihrem Auto fährt sie in ein nahegelegenes Einkaufszentrum. Beim Einparken in die sehr engen Parklücken des Parkhauses passiert es dann: Frau M. streift mit ihrem Wagen einen anderen PKW. Das dabei entstehende Geräusch schildert sie mir später als ganz, ganz schrecklich. Was dann geschieht, beschreibt sie so: „Das Geräusch hat mich um den Verstand gebracht. Ich bin Juristin und ich weiß, was Fahrerflucht bedeutet. Ich wusste in dieser Situation, dass ich auf den Besitzer des anderen Fahrzeugs warten muss. Ich habe wahrgenommen, dass es viele Zeugen gab. Trotzdem war es, als hätte ich keine Wahl: Ich habe den Rückwärtsgang eingelegt und bin geflüchtet. Ich musste da weg. Irgendwie ging es um mein Leben.“

In unserem Termin sind die strafrechtlichen Konsequenzen dieses Verhaltens nicht das Thema. Diese hat Frau M. voll und ganz akzeptiert. Sie hat eine ganz andere Sorge: „Es klingt verrückt, aber ich habe das Gefühl, dass ich in so einer Situation immer wieder genauso handeln würde. Ich würde wieder flüchten. Das macht mir Angst! Das kann doch nicht sein. Das darf doch nicht sein. Bitte helfen Sie mir.“

Ich habe keine Idee, was die Ursache für das Verhalten von Frau M. ist. Anhand ihrer Schilderung wird klar, dass sie sich anders verhalten wollte, es aber nicht konnte. Dass dies keine Ausrede ist, wird daran deutlich, wie sehr sie sich darum bemüht, das zu ändern. Sie ist absolut verzweifelt.

Wir beginnen mit der Erarbeitung eines sicheren Ortes. Danach bitte ich Frau M., sich auf den schlimmsten Moment des Geschehens im Parkhaus zu konzentrieren. Diesen verbindet sie sofort mit dem Geräusch, als der Lack der beiden Fahrzeuge zerkratzt bzw. verschrammt. Ich hole uns eine CD, die mir eine Hörspiel-Journalistin für solche Situationen wunderbarer Weise überlassen hat. Auf der CD ist so ziemlich jedes Geräusch aufgenommen, das sich auf Erden denken und hören lässt. Ich wähle eine Sequenz aus, in der man das Kratzen auf Lack hört. Beim Hören dieses Geräusches teste ich unglaublichen Stress bei Frau M. Anschließend sage ich den Satz „Wenn ich an das kratzende Geräusch des Lackes nur denke, dann ist da ...“ Bei den Emotionen Ohnmacht, Kontrollverlust und Ausgeliefertsein zeigt der Myostatiktest erheblichen Stress an. Der Kontrollverlust steht dabei im Vordergrund. Laut Test ist diese Emotion im Kontext „Familie“ entstanden, als Frau M. 5 Jahre alt war. Die Ursprungssituation hat mit Frau M.`s Mutter zu tun. Frau M. wird blass. Für einen Moment versagt ihre Stimme. Danach erzählt sie mir folgende Geschichte:

Sie wird als 4. von 5 Kindern geboren. Als sie 4 Jahre alt ist, kommt ihr jüngster Bruder auf die Welt. Ihre Mutter fällt nach der Geburt zunächst in eine Depression, die bald danach in eine bipolare Störung übergeht. Die 5 Kinder sind ihr lange schon eine unerträgliche Belastung. Doch die kleine Constanze ist ihr ein besonderer Dorn im Auge. Immer wieder schlägt sie das Kind in blinder Wut. Eines Tages, kurz nach ihrem 5. Geburtstag, fährt Constanze mit ihrem Fahrrad in der Straße umher, gerät ins Wackeln und streift ein parkendes Auto. Es gibt ein hässliches Geräusch, als der Lack zerkratzt. Constanze fällt hin und schlägt sich das Knie auf. Als sie sich aufrichtet, steht bereits ihre Mutter über ihr, schlägt zu und schreit sie an. Es vergeht ein Moment, bis Constanze versteht, was die Mutter ihr entgegenbrüllt. „Du bist ein Haufen Mist, Du taugst nichts, machst alles kaputt, zerstörst mein Leben. Ich packe jetzt Deine Sachen und dann bist Du weg!“

 

Was Constanze damals nicht weiß: Es ist längst und seit Tagen beschlossene Sache und hat überhaupt nichts mit dem Unfall zu tun, dass ihre Mutter sie nun weggibt, zu einer Tante, die 700 km entfernt in Bayern lebt. Die Unfallsituation ist das letzte Mal, dass Constanze ihre Mutter sieht. Noch am selben Abend wird sie abgeholt und muss ein neues Leben ohne ihre Mutter und Geschwister beginnen. 5 Jahre später begeht die Mutter Selbstmord. Sie hat Constanze in ihrem neuen Zuhause in Bayern kein einziges Mal besucht.

 

Schnell ist uns beiden angesichts dieser Erinnerung klar, dass Frau M. bei ihrem Unfall im Parkhaus kaum eine Chance hatte, angemessen zu reagieren. Das Geräusch des zerkratzenden Lackes hat die damalige Situation und die entsprechenden Emotionen der kleinen 5-jährigen Constanze „getriggert“, die damals wie heute völlig unter Schock stand. Wir bearbeiten dieses Erlebnis mit der EMBRAIN-Methode und setzen dabei sowohl schnelle Augenbewegungen als auch ein taktiles Gerät zur bilateralen Hemisphären-Stimulation ein. Frau M. weint viel, aber nach ca. 15 Minuten spürt sie eine erhebliche Entlastung und lächelt mich müde und dankbar an. Wir nehmen uns in den Arm und halten uns minutenlang sehr fest. Sie ist sich sicher: Das wird ihr nicht wieder passieren.

 

Eulenhaus für Hochbegabte

Praxis für EMBRAIN®-Coaching

 

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